Die TCM (Traditionelle Chinesische Medizin)

Aber in China hat sich eine sehr viel umfangreichere Ausbildung durchgesetzt, die sogenannte TCM (Traditionelle Chinesische Medizin), wenngleich der Name sehr irreführend ist. Wirklich traditionell ist diese nämlich nicht. Sind die Therapien zu unterschiedlich bzw. widersprüchlich, wurde nur eine der Formen akzeptiert. Früher wurde pragmatisch akupunktiert, wenn eine Methode nicht half, wurde ein anderer Therapieansatz verfolgt. So entstand die große Erfahrungsheilkunde der Akupunktur über mehrere tausend Jahre. Dies war nicht kompatibel mit der westlichen Kausalität, denn hier gibt es nur ein entweder/oder, kein sowohl/als auch – dadurch wurde die Akupunktur vieler ihrer stärken beraubt um sie zu vereinheitlichen, auch zum Export in den Westen.

In der TCM wurde eine neue Diagnostik eingeführt. Diese fasst sog. Syndrome zusammen, eine Art Syptom-Sammlung die sich auf die Organsysteme bzw. Funktionskreise bezieht. Diese ist sehr weitreichend und gut, kennt man doch in China Zusammenhänge, die wir im Westen erst langsam anfangen zu verstehen. Beispiele hierzu später.

Da wie gesagt viel der Erfahrungsheilkunde verloren ging und man in China sehr viel mehr Wert auf Kräuter legte, ging die ganze Diagnostik in diese Richtung. So wird die Zunge diagnostiziert, der Puls und eine ausführliche Befragung erfolgt. Bei der Zungendiagnose wird die Farbe, Form und Belag, sowie die Unterzungenvenen begutachtet und bewertet. Die Pulsdiagnose unterscheidet auf 6 verschiedenen Positionen in jeweils 3 Tiefen über 30 Formen des Pulses. So gibt es beispielsweise einen gespannten Puls (wie eine Gitarrenseite), oder einen oberflächlichen (pocht oben, lässt sich aber leicht wegdrücken) u.v.m. Inzwischen hat man Geräte in China entwickelt, die bis zu 10 verschiedene Pulse messen können, da man sonst nicht genügend Ärzte hat. Diese werden in großen Krankenhäusern eingesetzt.

Diese Werte sind für eine Kräuterbehandlung hervorragende Diagnostiken, für die Akupunktur jedoch nur begrenzt brauchbar. So entstand dann aufgrund der Kräuterdiagnostik die Meinung man könnte vieles nicht mit Akupunktur behandeln, wenn man nicht zusätzlich Kräuter verwendet. Für die TCM stimmt dies auch, aber nicht für die Akupunktur die früher praktiziert wurde. Die TCM ist übrigens in China ein Vollzeitstudium von mindestens 3 Jahren, Vollzeit heißt Internat mit 360 Tagen im Jahr von morgens bis abends!! Ein Beispiel für die Herleitung einer Syndrom-Diagnose:

Zum Organ oder besser Funktionskreis Niere (über das Element Wasser mit der Blase gekoppelt) weiß man in China folgendes:

Die Niere gehört zum Element Wasser, wie auch die Blase. Sie ist zuständig für die Ohren/Gehör, das Haupthaar, Zähne, Knochen, Nervensystem und Gehirn, für Angst und Willenskraft, den Harn, für Fruchtbarkeit, Harn, ist verbunden mit dem Winter und mag keine Kälte. Hieraus kann man nun Symptome ableiten, die dann in Syndromen zusammengefasst werden, z.B. Haarausfall, Hörsturz, Angst/Panik oder Unfruchtbarkeit, viele Knochenbrüche oder schlechte Zähne, ein schwaches Nervensystem etc. Nun unterscheidet man die Syndrome nach der tiefe der Erkrankung (chronisch wäre eine starke Vereinfachung, die Unterscheidung ist sehr genau) und nach der Herkunft der Erkrankung bzw. deren Auswirkung. Hat man beispielsweise eine Blasenentzündung (Partner der Niere) oder untere Rückenschmerzen, weil man einem kalten Zugwind ausgesetzt war, spricht man von Kälte, die in Niere bzw. Blase eingedrungen ist. Sind aber der Rücken und die Knie immer wieder betroffen, oder die Knochen brüchig – oder die Eltern hatten ähnliche Erkrankungen (in der Niere sitzt die Erbenergie = Jing), ist von einer Mangelerkrankung der Niere auszugehen.

Des weiteren unterscheidet man Yin und Yang. Man könnte sagen die kühlende, substantielle, ruhende, organische, nachtaktive Energie, das Yin, oder die eher aktive Energie, wovon das Qi, die angesprochene Lebensenergie ein Teil ist. Kann also die Niere nicht mehr das Qi der Lunge in Empfang nehmen (die Lunge nimmt das Qi über die Atmung auf und soll es nach unten bringen), weil sie nicht mehr stark genug ist, könnte sogar Asthma ein Nierenproblem sein, was man sonst eher der Lunge zuordnet in der TCM. Ist ein Mensch ständig schwach, ihm ist kalt, er ist antriebslos, liegt evtl. ein Nieren-Yang-Mangel vor. Bei Nieren-Yin-Mangel wäre die Problematik eher Hitze die sich vor allem nachts in Nachtschweiss zeigen könnte, denn das Yin kann das Yang nicht mehr kühlen. Auch könnten die Organe ein Problem bei der Befeuchtung haben, das Nervensystem unruhig sein, ein Hörsturz wäre auch möglich. Auch Ängste und Panik können sich zeigen.

Sie sehen, ein sehr komplexes System, was vielen Zusammenhängen einen Sinn gibt. Wer käme im Westen schon auf die Idee untere Rückenprobleme mit einem Hörsturz, Kopfhaarverlust oder schlechten Zähnen in Verbindung zu bringen, oder gar mit Ängsten und Panik oder dem Nervensystem oder Depressionen? Für die Akupunktur gibt sich dann nur das Problem, das man aufgrund der vorgenommenen Diagnostik versucht Punktekombinationen zu nutzen, die für die einzelnen Syndrome vorgegeben sind. Dies funktioniert dann allerdings nur begrenzt, und so kommt dann spätestens bei etwas schwereren Erkrankungen wie dem Nieren-Yin- Mangel der Kommentar: „ohne Kräuter geht das mit der Akupunktur nicht“. Dies ist im Kontext der TCM sogar die traurige Wahrheit, aber nicht wenn man die ursprüngliche Akupunktur anwendet. Natürlich braucht eine schwere Erkrankung ihre Zeit an Therapie, aber das ist auch mit Kräutern so. Sinnvoll ist auch eine Therapie die Kräuter und Akupunktur beinhaltet, vor allem weil dies den Geldbeutel schont. Allerdings ist die TCM-Art der Akupunktur hier nicht so effektiv – denn wie die TCM selber sagt, damit geht halt manches nicht.